Neues aus dem Infusionszimmer #1

Also ich spare mir mal größere Vorstellungen und starte doch einfach mal durch. Kekse und Kaffee stehen hinten links ich hoffe das reicht für den Anfang.

Ich in meiner Funktion als Jugendlicher musste natürlich ein örtliches Volksfest mit Liveband besuchen. Tolle Stimmung, tolle Plätze. Es war wirklich genial! Musik laut, wie es sich gehört. Das Bier floss massweise. Allerdings war es nicht mehr so toll, als ich in mein Heim zurück kehrte und es fiepste auf dem Ohr. Und es immernoch fiepste als ich schlafen gehen wollte. Und auch beim Frühstück am nächsten Morgen, da fiepste es weiterhin. Fiep. Fiep. Fiiiiiiiiep.

Nun, da die Praktimum eine Frau mit eigenständigem Tinnitus ist, ist man da etwas vorgeprägt. Also erster Schritt: Arzt suchen. Sonntags ist das NICHT einfach, das lasst euch sagen. Meine Hausärztin war sowieso im Urlaub und der Rest hatte geschlossen. Schöne Schei… Scheibenwaschanlage. Auf Hinweis der Praktioma ging es als zur Bereitschaftspraxis. Da ich eine Woche später auch noch in den Urlaub fahren wollte und mich schon eine wochenlange Infusionstherapie machen lassen sah, war ich schon am überlegen wie ich das meiner Reiserücktrittsversicherung am besten erkläre. In der Praxis angekommen war alles unerwartet… entspannt. Ich hatte etwas mehr Hektik erwartet, erstaunlich. Die Ärztin (irgendwo aus dem östlichen Europa stammend) nahm mich auch nach nur kurzer Wartezeit in Empfang und schaute sich meine Ohren an. Tinnitus. Mit Hilfe der Arzthelferin erklärte sie mir dann auch noch, dass ich beim nächsten Mal doch bitte Wasser zwischen trinken soll und bei lauter Livemusik Ohrenstöpsel tragen. Sieht bescheiden aus aber am nächsten Tag ist das einzige was noch piepst der Wecker. Und mit den Worten „Sie noch juuuuung sind. Wir sie wieder gutt machän müssen! Wir sie wieder gutt kriegään!“ ließ sie mir eine Infusionstherapie verordnen. Über 3 Infusionen HAES 6% an aufeinanderfolgenden Tagen. Der Urlaub war gerettet.

Nun, nachdem die Vorgeschichte geklärt ist nun zum eigentlichen Beitrag. Denn es ging hernach direkt ins Infusionszimmer. Da HAES 6% bei solchem off-label use (danke an Pharmama über die ich diesen Begriff gelernt habe ;)) ) nicht von den Krankenkassen gezahlt wird, durfte ich es als IGel (Individuelle Gesundheitsleistung) bezahlen. Das erste mal: 10€ für eine 30 Minuten Infusion. Ich lag mich auf die liege, das Medikament, der Butterfly, das Desinfektionsmittel und die Blutabbindschlinge (wie heißt dieses Teil eigentlich?) wurden direkt neben mich gelegt. Erfreulich, ich konnte die Nadel also gleich begutachten. Grausig. Das Medikament selbst stammt dann auch noch von der Firma für die auch Praktimum in der Produktion arbeitet. Als ich ihr das schrieb, bekam ich erstmal ein „Oh weia“ gefolgt von einer Neben- und Wechselwirkungsliste. Mütterliche Fürsorge – besser als jeder Beipackzettel.

Nun kurz bevor die Ärztin kam, gesellte sich noch eine Frau zu mir, welche ebenfalls für eine HAES Infusion hier war. Wir unterhielten uns kurz und wünschten uns gegenseitig eine gute Genesung. Die Frau Doktor kam, entschied, dass es zu gefährlich sei in meine blühende Neurodermitis zu stechen und legte mir einen schmerzlosen, Zugang in die Hand. Auf Anhieb. Wirklich, 1A, davon kann sich mancher Arzt nochmal eine Scheibe abschneiden! Es floss dann auch problemlos los. Die Kollegin gegenüber wurde auch infundiert und dann ging das Getropfe im Duett weiter. Es folgten diese Aktivitäten: Warten, Blogs aufm iPhone lesen, Warten. Plötzlich rumpelte es draußen. Laut und deutlich. Jemand lallte, eine Frau kreischte. Und zwar kreischte sie die Arzthelferin an, dass sie ihre „inkompetenten Klauen“ von ihrem Freund wegnehmen solle. Als die beiden beruhigt wurden setzte man sie direkt vor unsere Tür. Die Arzthelferin kam nochmal rein und schaute kurz nach uns und dann stellte sie sich vor die Tür, eben jene leicht angelehnt an ihrem Rücken. Ich vermute mal, damit sie jederzeit einen Rückzug machen könnte wenn die Situation eskalieren würde. „Mein Freund hat einen Milzriss, er muss sofort behandelt werden!“, kam es in einem befehlsartigen Ton von der zuvor kreischenden Dame. Vom Mann kamen bestätigende Würg- und Kotzgeräusche.  Auf die Frage, weshalb sie nicht ins Krankenhaus sind, antwortete sie, dass man sie dort „bereits zweimal wieder weggeschickt habe.“ „Welches Krankenhaus?“, entgegnete die Arzthelferin. Eine Mischung aus Skepsis und Empörung lag in ihrer Stimme. „Praktisches Krankenhaus am praktischeren Ring, Station 69“, antwortete der Herr Patient.  Nun, die Bereitschaftspraxis besaß jedoch nicht die nötigen Einrichtungen um so einen Notfall zu behandeln. Die Arzthelferin bat an ein Taxi zum nächsten Krankenhaus zu rufen. „Ich fahre ihn selber!“, entgegnete die junge Frau. Und das Angebot, auf eine Überweisung zum Krankenhaus wurde mit den Worten: „Ich merke, wenn wir nicht erwünscht sind!“, vom Patienten selbst abgeschmettert. Bald darauf wurde es vor der Tür ruhiger. Etwa 20 Minuten später kam die Arzthelferin nochmal hinein zu uns, schüttelte immer noch den Kopf, und stöpselte uns ab.

Und bei „Neues aus dem Infusionszimmer #2“ erfahrt ihr, wie viele Butterflys an einem Patienten verbraten werden können, am Fallbeispiel „Praktikon“.

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